Gehörst Du auch zu den Läufern, die in einem Rennen nach einem halben Kilometer die Einsamkeit genießen und in den Ergebnislisten immer nach unten scrollen müssen, um sich zu finden? Aber... auch wir können große Ziele haben. Ob wir sie erreichen, steht dann auf einem anderen Blatt...

Dienstag, 29. September 2015

Der Tag

Sonntag
Und, hab ichs geschafft, ja, nein, nein, ja?!?




Jaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaahhhhhh!!!!!!!





Aber der Reihe nach:
Am Abend davor gings in der Gruppe ins Restaurant zum Carbo-Loading. Ich bestellte natürlich die obligatorischen Nudeln, aber passte auf, dass ich nicht zuviel aß. Aus meinem missglückten HM in der Mitte des Trainings hatte ich gelernt, dass das, was zuviel ist, ausgerechnet am Wettkampftag dann unbedingt rauswill. Aber ein kleines Pils musste sein.
Dann gabs noch eine Diskussion, weil ich mir von einem vorjährigen Starter Tipps hatte geben lassen, wie man sich evtl. in die zweite Welle mogeln konnte. Meine große Sorge war, dass ich nicht vor Zielschluss die Linie überquere. Mir wurde vorgeworfen, dass ich damit die schnelleren Läufer behindere, dass das unfair ist, und ich war unglücklich und bedrückt. Wir diskutierten darüber, ob es schlimmer ist, dass man das Ziel gar nicht erreicht, oder dass man eine bestimmte Zielzeit nicht erreicht. Meine Trainerin beschwor mich nochmal, dass ich es schaffen würde. Um 20 Uhr ging ich nach Hause und um 21 Uhr ins Bett.
In der Nacht wachte ich um halb 4 auf. Danach war es ein permanentes Einschlafen, Aufwachen, Einschlafen, Aufwachen. Viertel vor 6 war ich richtig wach und stand langsam auf.
Ich frühstückte im Hotelzimmer mein gewohntes Frühstück, das ich von zu Hause mitgebracht hatte, Vollkornbrot mit Quark und Honig und Marmelade. Butter hatte ich vergessen. Dazu heißes Wasser mit ein paar Krümel Kaffeepulver, aber nicht zuviel, weil Kaffee treibt.
Ich hatte mir eine andere Anfahrtsroute rausgesucht als der Rest der Truppe, weil ich dann von Norden kam und mich evtl. besser nach vorne schieben konnte. Nach dem gestrigen Abend war ich voller Zweifel, sehnte mich eigentlich nach der Gruppe. Ein anderes Problem war, was Anziehen. Es war klar, dass es ein Traumwetter war, keine Wolke am Himmel, aber mit 4 Grad um 6 Uhr morgens recht frisch. Ich zog dann doch mein ältestes Unterhemd an, darüber ein ärmelloses Funktionsshirt, eine mittellange dünne Laufhose und eine leichte Laufjacke. Auch die Schuhe waren ein Problem. Die Schuhe, die ich vorgesehen hatte, waren eigentlich einen Tick zu eng, das hatte ich schon beim Training gemerkt. Die anderen Schuhe wiederum gaben mir Schmerzen, wenn ich schneller lief. Aber das hatte ich heute ja eh nicht vor. So entschloss ich mich für die zweite Variante, die Schuhe von einem der A-Brüder.
Als ich in der Lobby ankam, war meine Gruppe gerade beim Aufbruch. Ich war so froh, dass ich sie getroffen hab, es gab für mich keinen Zweifel, mit ihnen zu gehen. Dann musste ich mich auch nicht um irgendwelche Umsteigerei usw. kümmern, ich brauchte nur geduldig wie ein Schaf hinter ihnen hertrotten. Wir waren alle aufgekratzt und guter Laune und lachten viel in der U-Bahn.
Um ca. 8 Uhr erreichten wir den Startbereich. Während die anderen zur Kleiderabgabe wanderten, stellte ich mich in eine Schlange, um einem dringenden Bedürfnis nachzukommen. Nach geschlagenen 40 min hatte ich endlich mein Dixi-Klo erreicht. Wir hatten einen Treffpunkt vereinbart, als ich dort ankam, war von den anderen keine Spur mehr. Der Ansager sagte gerade, nach Startblock H gehts nach links, alle anderen gehen nach rechts. Für einen Augenblick war ich wieder unsicher, ging dann aber doch brav nach links. Die Läufer standen schon dicht auf dicht, langsam aber bestimmt schob ich mich nach vorne an den Beginn von H. Keine 5 Meter vor mir endete hinter einem kleinen Spalt der Block G, der letzte der zweiten Welle. Links von meinem Block standen Toiletten. Ich musste über den Metallzaun klettern, der die Startblöcke umgab, um zu einer der Toiletten zu kommen. Als ich wieder rauskam, waren drei Männer meines Alters vor mir, die trifteten leicht nach links und überstiegen den Zaun zurück in den Block G. An ihrer Startnummer konnte ich sehen, dass sie eigentlich auch zu H gehörten. Ich folgte ihnen. Man kann sich ja mal vertun. So kams, dass ich dann doch in der zweiten Welle startete. Ich hatte aber Angst, dass sie mich rausfischten und schloss meine Jacke bis oben hin. Bevor es für uns losging, mussten wir klatschen und die Arme erst nach links, dann wieder nach rechts wedeln. Und dann gings endlich los. 9:21Uhr.

Der Lauf:
Kilometer 1 - 21.1
Am Anfang ließ ich noch meine Jacke an, zu groß war meine Angst, dass sie mich noch erwischten. Aber irgendwann wurde es zu warm. Ich zog sie aus. Behindern tat ich niemanden, denn ich war ja ganz hinten von G gestartet. Nach km 2 sah ich meinen Mann zufällig am linken Straßenrand. Er guckte nicht auf die Läufer, sondern tippte auf seinem Handy rum. Nachdem ich ihn gebührend geschimpft hatte, übergab ich ihm meine Jacke und einen dicken Schmatzer. Paar Meter weiter stand meine Trainerin und gab mir letzte Anweisungen: nicht reden, sich nicht um andere kümmern, und dass ich evtl. noch ein bisschen zu schnell bin.
Kilometer 2,6

Ich fühlte mich gut und verhielt mich genau nach Plan: bis zum Kilometerschild laufen, dann solange gehen, bis 9:15min vorbei waren. Dann wieder loslaufen. Ich hatte meine Laufuhr so eingestellt, dass sie immer nach 9:15min vibrierte. Das einzige Problem war, dass sich langsam aber sicher wieder meine Blase meldete. Vor den wenigen Klos auf der Strecke standen immer mindestens ein, zwei Läufer, das konnte ich nicht riskieren, das war zu lang. An den Verpflegungsstationen nahm ich immer einen Becher Wasser. Bei Kilometer 15 aß ich ein Stück Banane und nahm mein erstes Gel zu mir. Die Musikbands waren bis jetzt eher nicht beeindruckend, irgendwie hatten sie alle gerade eine Pause, wenn ich vorbeikam. Irgendwann überholte mich dann auch die dritte Welle, und es wurde richtig eng. Schnellere Läufer liefen in Schlangenlinien um die langsameren herum. Ich hielt mich immer ganz rechts am Straßenrand. Von der blauen Linie war nix zu sehen vor lauter Läufern. Am Anfang war ich noch eifrig am Kinderhände abklatschen und lustige Sprüche lesen. Ich weiß nicht, wieviel Leute mir zuriefen, Annette, Du schaffst das! Woher wollten die das eigentlich wissen?
Zwischen Kilometer 18 und 19 überholte ich den Mann, der mir die Ratschläge gegeben hatte wegen dem Einordnen in die Welle. Er war klar langsamer als ich. Wir tauschten ein paar Worte aus (wir kannten uns bisher nur übers Telefon), aber ich spürte, das wird knapp für ihn diesmal. Ich sollte leider recht behalten.

Kilometer 21.1 - 25
Den HM - Punkt erreichte ich bei 3:12h. 2 Minuten langsamer, als bei meinem letzten HM-Wettkampf, aber immer noch 3 Minuten schneller als geplant. Und dann hatte ich ja noch einen Puffer von 9 Minuten auf eine Bruttozeit von 7 Stunden durch meinen früheren Start. Ich war zufrieden. Ich sagte mir, absolutes Minimalziel erreicht, alles, was jetzt kommt, ist Bonusmaterial. Ich war mir sicher, dass ich die 25km noch irgendwie erreichen würde.
Mit dem Klogehen wurde es jetzt langsam dringend. Die Männer standen rum und ließen es laufen. Ich überlegte, entweder in die Hosen machen oder mich zwischen ein paar Hecken hocken, die auf dem Mittelstreifen gepflanzt waren. Gerade, als es wirklich dringend wurde, stand da ein Klo, das frei war. Erlösung.
Der Nachteil war, dass ich aus meinem Rhythmus kam. Die Zeit, die ich sonst fürs Gehen hatte, war durchs Pipimachen aufgebraucht. Und überhaupt, so ganz taufrisch war ich natürlich auch nicht mehr. Ich spürte, wie langsam die Kraft weniger wurde. Und...was ich irgendwann realisierte, meine TomTom Uhr war auch durcheinandergekommen. Sie addierte in ihrer Verzweiflung einfach mal 4 Kilometer dazu. Ich war durcheinander und wusste manchmal gar nicht mehr, bei welchem Kilometer ich eigentlich war. Aber irgendwie kam ich noch vorwärts und passierte die 25 Kilometermarke.
Hätt gern auch ne Massage gehabt...


Kilometer 25 - 30
Zwischen Kilometer 26 und 27 zeigte meine Uhr Kilometer 29. Irgendwie wollte ich das einen Moment lang glauben. Als ich dann Kilometer 27 passierte, konnte ich nicht mehr. Ich gab mich auf. Ich würde das Ziel nicht in der notwendigen Zeit erreichen. Ich ging einfach nur noch und lief nicht mehr. Mindestens 2 Kilometer lang. Dann testete ich mal ein bisschen, doch, ging eigentlich noch, das Laufen. Ich lief eine relativ lange Strecke und plötzlich holte ich alte 'Bekannte' ein, die mich schon vor  langer Zeit überholt hatten. Was, Du auch noch hier? Was hast Du denn die ganze Zeit gemacht? Ich realisierte, dass ich nicht die Einzige war, die ein kleines Durchhängerle hatte. Und solange ich noch von vielen anderen Läufern umgeben war, war Rom noch nicht verloren. Das gab mir richtig Kraft und es ging munter weiter Richtung Kilometer 30. Ich konnte sogar ab und zu die Musik genießen. Und der Radio Eins Radfahrer überholte mich. Das war auch toll. Ich wäre gerne hinterher, er war aber leider zu schnell für mich.
Und dann die Hände zum Himmel...


Kilometer 30 - 41
Die nächsten 11 Kilometer waren nacktes Überleben. Ich hielt mich in einer Gruppe von ca. 15 bis 20 Läufern, die alle so aussahen, als würden sie es noch schaffen. Ich wusste, ich durfte den Kontakt nicht abreisen lassen. Mal überholte ich ein paar, dann ging ich, dann überholten die mich wieder. So gaben wir uns gegenseitig Kraft und wuchsen zu einer Einheit. Ich versuchte die Tatsache zu verdrängen, dass ich noch immer eine Distanz zurücklegen musste, auf die ich normalerweise stolz wäre zu Hause. Irgendwann auf der Strecke kamen wir an einer Band vorbei, die Money von Pink Floyd spielte. Das war mein Highlight. Ich wurde gleich schneller, mein Puls kletterte, aber das gönnte ich mir. Vor allem die Stelle, wo dann der Rhythmus wechselt und schneller wird, irre. Ein paar Kilometer weiter sackte die Euphorie aber wieder ab. Leider.
Ich weiß nicht mehr, wann es war, aber plötzlich realisierte ich das bedrohliche Fauchen des Säbelzahntigers, äh, ich mein, der beiden Besenbusse. Ich drehte mich um. Da waren sie, ca. 100 Meter entfernt. Ich hatte diese Situation im Vorfeld so oft im Kopf durchgespielt, da allerdings hatte ich immer gedacht, ich wäre körperlich dann total am Ende. Aber das war ich nicht. Und die anderen um mich auch nicht. Ab und zu drehte sich mal einer nervös um. Alle blieben in der Mitte. Ihr kriegt uns nicht. Und wenn, dann müsst ihr uns schon umfahren. Die Leute am Straßenrand sagten uns, wie oft wir noch abbiegen mussten. Die Kilometer wurden länger und länger. Nie im Leben hatte ich mir ein Ende so herbeigesehnt.
Nix wie weg!



Kilometer 41 - Ziel
Als ich das letzte Mal links um die Ecke bog und dann in der Ferne im gleißenden Sonnenlicht das Brandenburger Tor sah, liefen mir die Tränen herunter.

Flenn


Ich hatte es geschafft. Nichts und niemand könnte mich mehr aufhalten. Ich trabte dem Ziel entgegen. Rechts und links klatschten die Leute, wirklich toll, dass auch noch für die hinteren Läufer so viele Leute dastanden. Ich schaute zu den Tribünen, weil ich dachte, dass da vielleicht mein Mann steht. Plötzlich hörte ich meine Trainerin, die aus aller Kraft Annette schrie und wie wild winkte. Ich lief zu ihr hin, sie umarmte mich und sagte, sie hätte gewusst, dass ich es schaff, ihr Mann lobte mich. Ich wand mich aus ihrer Umarmung, da war ja noch eine Kleinigkeit, ich musste die Ziellinie überlaufen. Ich trabte noch ein zwei Meter weiter, um sicher zu sein, dass ich auch wirklich drüber war.

Meine Zeit: 6:47:51


So sehen Sieger aus ;-)


Nach dem Lauf:
Kaum hatte ich die Ziellinie überquert, ging ich so langsam wie eine Schildkröte. Alle Energie war verschwunden, ich wollte nur noch meinen Mann finden und dann ab ins Hotel. Ich dachte, ich wäre die Einzigste, die so langsam geht, aber nein, auch gestandene Männer schlurften wie alte Greise durch die Gegend. Ich musste noch ca. 7 Meter weiter, bis ich endlich die ersehnte Medaille umgehängt bekam. Ich rief meinen Mann an, er durfte nicht in den Zielbereich, sondern hielt sich vor dem Reichstagsgebäude auf. Für eine Zeitlang setzte ich mich auf eine Bank und aß die Banane aus meinem Verpflegungsbeutel. Das Zelt mit dem Erdinger Alkoholfrei war mir zu weit. Dann gings langsam Richtung Ausgang. Ich traf meinen Mann, der stolz auf mich war und glücklich, dass ich alles gut überlebt hab.
Hmmmmm, das schmeckt!


Mit einem gemeinsamen Abendessen mit der Gruppe ging ein wunderbarer Tag zu Ende. Alle hatten ihr Ziel erreicht und waren glücklich und zufrieden.


Kommentare:

  1. Toller Bericht...Du hast einen Superlauf hingelegt!!!
    Ich hoffe bald gibt's wieder eine Laufgeschichte.?

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  2. Und ich bin immer noch soooooooooooooo stolz auf dich weiter so Annette! Hoffe nächstes Jahr stehen wir dann zusammen am Start in Berlin? Deine Trainerin......

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